Gedanken zum Sterben und Stärkung zur Sterbebegleitung.


Sammlung von Texten aus
unterschiedlichen Kulturkreisen,
die sich mit dem Sterben und dem...
Einleitung
Nichts wird von uns modernen Menschen so verdrängt wie der Tod.
Er scheint nicht hineinzupassen in unsere rastlose Welt des Pläneschmiedens, des Nach-vorne-Schreitens und des An-Morgen-Denkens.

Werden wir dann mit dem Tod konfrontiert - plötzlich oder ganz langsam - sind wir darauf nicht vorbereitet.

"Warum?", fragen wir und verstehen nicht, wieso der Tod gerade in unser Haus gekommen ist.
Und doch ist es gut zu wissen, daß unser Leben nicht unendlich ist.

Die Bibel kennt sogar das Gebet eines Menschen, das lautet "Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, damit wir klug werden" {Psalm 90, 12).

Erst mit der Klugheit, daß unser Leben nicht einfach immer weitergeht, können wir wirklich leben, lieben und glücklich sein.
Wenn wir am Morgen aufstehen mit dem Gedanken "Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens",

dann können wir bewußt leben und unsere Zeit nutzen und genießen.

Hier finden Sie eine Sammlung von Texten aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die sich alle mit dem Tod auseinandersetzen.

Ich hoffe, sie geben Ihnen auch persönliche Antworten auf Fragen, die Sie haben.
Und ich wünsche Ihnen, daß sie Ihnen in Ihrer Trauer helfen, daß sie Ihnen Kraft und neuen Lebensmut schenken.

Der Tod ist der Anfang und nicht das Ende des Lebens.
Selbst wenn in der Brust tausend Sterne zerbrächen
und der Mond zerfließen würde,
werden unsere Spuren nicht verwischen.
Aus Peru

Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod

Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod;
ich weiß gut,
wie seine dunklen, kalten Flure
zum Leben führen.

Ich habe eher Angst vor einem Leben,
das nicht aus dem Tod herauskommt,
das unsere Hände verkrampft
und unsere Märsche verzögert.

Ich habe Angst vor meiner Furcht
und mehr noch vor der Furcht anderer,
die nicht wissen, wohin sie gehen,
die nicht aufhören, daran festzuhalten,
was sie für ein Leben halten
und von dem sie wissen, daß es der Tod ist !

Ich lebe, jeden Tag den Tod zu töten.
Ich sterbe, jeden Tag das Leben zu erzeugen.
Und in diesem Streben zum Tode
sterbe ich tausendmal und
werde noch einmal tausendmal wiedergeboren
durch diese Liebe meines Volkes,
die die Hoffnung nährt
Julia Esquivel, Guatemala

Der Tod und der Gänsehirt

Einmal kam der Tod über den Fluß, wo die Welt beginnt.
Dort lebte ein armer Hirt, der eine Herde weißer Gänse hütete.
"Du weißt, wer ich bin, Kamerad?", fragte der Tod.
"Ich weiß, du bist der Tod.
Ich habe dich oft auf der anderen Seite hinter dem Fluß gesehen."

"Du weißt, daß ich hier bin, um dich zu holen und dich mitzunehmen auf die andere Seite des Flusses."
"Ich weiß, Aber das wird noch lange sein."
"Oder wird nicht lange sein.
Sag, fürchtest du dich nicht ?"
"Nein", sagte dei Hirt.
"Ich habe immer über den Fluß geschaut, seit ich hier bin, ich weiß, wie es dort ist."
"Gibt es nichts, was du mitnehmen möchtest?" "Nichts, denn ich habe nichts."

"Nichts, worauf du hier noch wartest ?"
"Nichts, denn ich warte auf nichts."
"Dann werde ich jetzt weitergehen und dich auf dem Rückweg holen.
Brauchst du noch etwas, wünschst du dir noch was?"
"Brauche nichts, hab' alles", sagte der Hirt.
"Ich habe eine Hose und ein Hemd und ein Paar Winterschuhe und eine Mütze.
Ich kann Flöte spielen, das macht lustig. Meine Gänse verstehn nicht viel von Musik."

Als dann der Tod nach langer Zeit wiederkam, gingen viele hinter ihm her,
die er mitgebracht hatte, um sie über den Fluß zu führen.
Da war ein Reicher dabei, ein Geizhals, der zeit seines Lebens wertvolles und wertloses Zeug an sich gerafft hatte:
Klamotten, auch Gold und Aktien und fünf Häuser mit etlichen Etagen.

Der Mann jammerte und zeterte:
"Noch fünf Jahre, nur noch fünf Jahre hätte ich gebraucht, und ich hätte noch fünf Häuser mehr gehabt.
So ein Unglück, so ein Unglück, verfluchtes!"
Das war schlimm für ihn.

Ein Rennfahrer war unter ihnen, der Zeit seines Lebens trainiert hatte, um den großen Preis zu gewinnen.
Fünf Minuten hätte er noch gebraucht bis zum Sieg.
Da erwischte ihn der Tod.

Ein Berühmter war dabei, dem ein Orden gefehlt hatte, nur ein einziger Orden, für den er Jahre aufgewendet hatte, da holte ihn der Bruder Tod.
Das war schlimm für ihn.

Dann war da ein junger Mann, der hatte an seiner Braut gehangen, denn sie waren ein Liebespaar gewesen, und keiner konnte ohne den anderen leben.

Ein schönes Fräulein war dabei mit langen Haaren.
Und viele Reiche, die jetzt nichts mehr besaßen, und noch mehr Arme, die jetzt auch nicht das besaßen, was sie gerne hätten haben wollen.

Ein alter Mann war freiwillig mitgegangen.
Aber auch er war nicht froh, denn siebzig Jahre waren vergangen, ohne daß er das bekommen hatte, was er hatte haben wollen.
Schlimm für sie alle.

Als sie an den Fluß kamen, wo die Welt aufhört, saß dort der Hirt.
Und als der Tod ihm die Hand auf die Schulter legte, stand er auf:
ging mit über den Fluß, als wäre nichts, und die andere Seite hinter dem Fluß war ihm nicht fremd.
Er hatte Zeit genug gehabt, hinüberzuschauen, er kannte sich hier aus,
und die Töne waren noch da, die er immer auf der Flöte gespielt hatte:
Er war sehr fröhlich.
Das war schön für ihn.
Was mit den Gänsen geschah?
Ein neuer Hirte kam.
Janosch



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Tod auseinandersetzen, die auch trostspendende Wirkung ausstrahlen können und sollen.
Indische Weisheit

Sterben ist das Auslöschen

der Lampe im Morgenlicht,

nicht das Auslöschen

der Sonne.
Rabindranath Tagore, Indien

Auf dem Weg zu Gott

Segen sei mit dir, der Segen strahlenden Lichtes,
Licht um dich her und innen in deinem Herzen.
Sonnenschein leuchte dir und erwärme dein Herz,
bis es zu glühen beginnt wie ein großes Torffeuer,
und der Fremde tritt näher,
um sich daran zu wärmen.

Aus deinen Augen strahle gesegnetes Licht
wie zwei Kerzen in den Fenstern deines Hauses,
die den Wanderer locken,
Schutz zu suchen dort drinnen
vor der stürmischen Nacht.

Wen du auch triffst,
wenn du über die Straße gehst,
ein freundlicher Blick von dir
möge ihn treffen.

Und der gesegnete Regen,
der köstliche, sanfte Regen
ströme auf dich herab;
die kleinen Blumen mögen zu blühen beginnen
und ihren köstlichen Duft ausbreiten,
wo immer du gehst.

Der Segen der Erde,
der guten, der reichen Erde
sei fiir dich da.
Weich sei die Erde dir, wenn du auf ihr ruhst
müde am Ende des Tages,
und leicht ruhe die Erde auf dir
am Ende des Lebens,
daß du sie schnell abschütteln kannst,
und auf und davon
auf deinem Wege zu Gott.
Alter irischer Segen

Schwere Krankheit

Plötzlich erfährt man, daß man eine schwere Krankheit hat.

Glücklich, wer auf diese Stunde vorbereitet ist durch die Gnade,
wer das Leiden wirklich annehmen kann vor Gott und den Tod erwartet als den Beginn des wahren Lebens, eines Lebens ohne Ende.
Dom Helder Camara

Zuversicht

Woher wüßten wir, wie wir leben sollen, wenn wir nicht an etwas glaubten, daß größer ist als wir?
Wer würde uns lehren zu leben?
Wer sagt dem Baum, wann die Zeit ist, seine kleinen Blätter auszutreiben?
Wer sagt diesen Drosseln da, daß es warm geworden ist und sie wieder nach Norden fliegen können?
Vögel und Bäume hören auf etwas, das weiser ist als sie, von sich aus würden sie es niemals wissen.

Oft sitze ich allein in der Wüste und schaue die Lilien an und all die kleinen rosa Blüten und frage mich:

"Wer hat euch gesagt, daß es Frühling ist und ihr blühen sollt ?"

Und ich denke und denke nach, und immer komme ich auf dieselbe Antwort:
Das, was größer ist als wir, lehrt alle Lebewesen, was sie tun sollen.

Wir sind wie die Blumen, wir leben und wir sterben, und aus uns selbst heraus wissen wir nichts.
Aber das, was größer ist als wir, lehrt uns - lehrt uns, wie wir leben sollen.
Chiparopai, eine Yuma-Indianerin

Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.
Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür.
Wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.
Paul Gerhardt

Du wirst gehn ...

Du wirst gehn ...
aber es bleiben die Bäume, die Du gepflanzt,
wie die Bäume bleiben, die andere vor Dir gepflanzt.

Die Bäume geben Früchte
und spenden Samen.
Die Samen, einmal kultiviert,
verwandeln sich in Bäume.

Du wirst gehn ...
aber es bleiben die Bäume, die Du gepflanzt;
es wird ein Wald von Bäumen,
die Früchte geben und fruchtbare Samen spenden.
Leonidas Proano, Ecuador

Komme, was mag!
Gott ist mächtig!
sind und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte,
so wollen wir stets daran denken, daß es in der Welt eine große,
segnende Kraft gibt, die Gott heißt.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen.
Er kann das dunkle Gestern in ein helles
Morgen verwandeln - zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.
Martin Luther King

Meine Hoffnung und Wunsch
dass ich mit einigen Texten Menschen in den dunkelsten Stunden ihres Lebens erreichen und ihnen dabei helfen konnte, das Lebensschicksal mit anderen Augen anzusehen.

Als vor vielen Jahren mein Vater ums Leben kam, wäre ich sehr froh gewesen, damals die Lebenserfahrungen von heute gehabt zu haben.


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Webmaster Hubert Wissler



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