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* BESINNLICHES * von Wolf-Alexander Melhorn

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NEUE Serie Prosalyrik Mancher sagte, es sei Lyrik, andere bezeichneten es als Prosa. Daher nenne ich es Prosalyrik
Teil 15 |
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Der Wunsch
Nur selten schwebte Lächeln über ihr Gesicht, denn drängende Gedanken formten dem die Züge.
So hieß er sie, vor ihn zu kommen.
Da saß sie nun, im Zweifel, ob sie die Wahrheit wagen dürfe. Erst als er sie ermunterte, brach es aus ihr heraus:
wie einsam sie als Nixe sei, mehr Abbild, denn ein Teil des Lebens, und dass sich so das Sein vor ihr verberge. Es gäbe sicherlich doch mehr! Was tun, im Leben! Nicht zeitlos nur das Schöne sein.
Ihm war die Macht gegeben, Lebensziele umzustecken. Er sah sie daher lange an, der große Geist des Wassers.
Ihm war bewusst, es hatte sich zwar eine Form gesprengt, dass Neues sich erschaffe, doch blieb die Antwort offen, wie dies nun zu vollenden sei. Hier saß ein Nixlein, inmitten seiner Fragen, erhitzt, weil es sich ausgesprochen und doch, ganz Teil von seiner Weiblichkeit, auch bedacht, ihm gleich den Weg zu zeigen, den sein Gedanke nehmen möge, indem es brav zu Boden blickte und dann bescheiden sagte: " Als Fisch hingegen, großer Geist ..."
Der Weise schmunzelte für sich. Sieh an, das kecke Wesen! Das andre war nur Vorspiel, für diesen einen, halben Satz!
Der große Geist des Wassers ging derlei Fragen redlich an. War ihm doch auch zur Pflicht gemacht, dem Leben Ziel zu weisen. Was nicht bedeutet, auch den Weg, der gradewegs zu diesem führt.
Natürlich war ihm wohl bewusst, wie mutig dies Geschöpfchen war, das überhaupt zu wollen, anstatt erduldend auszuleben, was scheinbar ihm vorherbestimmt. Doch durfte Anerkennung nicht in falsche Schlüsse führen, denn Wollen ist nur erster Schritt.
Nicht vorschnell galt es daher zu entscheiden, denn Antwort sollte warten können, wenn sich Vertrauen Rat erhofft.
Nach Tagen sprach der Geist zu ihr: "Gut, kleine Nixe, Dich mag ein Fisch verwandeln, doch sei Dir auch bewusst: Er nimmt Dir Deinen Glanz! Auch Deine Schönheit wird Dich noch verlassen - als Preis, für ein nur kurzes Leben."
Das Nixlein schauerte zusammen, als friere ihm die Zukunft ein, verspürte aber auch die Lockung bedrohlich in sein Leben dringen, von dem, was es für sich erhoffte.
Vom Geist ward wohl vermerkt, was dieses Wesen jetzt durchwehte, in hoffnungsfrohem Unverstand. Und dieses sorgte ihn, denn nur die Fragen laut zu stellen, heißt nicht schon, auch ihre Antwort zu verstehen!
Und Ungestüm birgt zusätzlich Gefahr. Es galt daher, hier Zeiten der Besinnung zu gewähren.
Er gab ihr deshalb als Bedingung vor: Zuvor musst Du beweisen, wie wichtig Dir dies wirklich ist. Erst jener gibt Dich daher frei, den Du Dir selbst gewählt, Dir Deine Hände selbst gefangen haben.
Verlange nie von irgendwem: Den will ich, dort, aus dieser großen Zahl von vielen! Du selber musst Dir den gewinnen, der Dich befreien soll, von dem, was jetzt Dein Leben ist! Denn bist Du dazu schon nicht fähig, wird alles andere erst recht missraten.
Die Nixe schwamm von dannen, wie benommen. Erst hatte Hoffnung sie emporgehoben, nun dieser tiefe Fall der Freude. Sie sah sich nur bestraft, nicht, was ihr wirklich zugedacht. Wie meist, wo Rat nicht in die hingestreckte Tasche fällt.
Denn wie sich Fische greifen, die flink und glatt im Wasser jagen?
Selbst wenn sie wirklich einen hatte - war er auch der?
Selbst wenn derselbe gut gewählt - wie sollte sie ihn halten? Wo jeder weiß, dass Fische eben dann entgleiten, wenn man sich ihrer sicher wähnt! Als sie danach am Wasser die Fische plötzlich anders sah, da wurde ihr so recht bewusst: Mir wird das nie gelingen!
Ein Fisch!
Um einer Freiheit willen zieht es mich zu ihm, in die Geselligkeit von Gleichen, zur trügerischen Sicherheit der großen Schwärme. Doch bin das wirklich ich? Dem anderen die Freiheit nehmen, um meine zu gewinnen? Darf so was überhaupt gelingen?
Die Zeit verströmte wie das Wasser und diese Nixe, jetzt, wo sie das Schicksal selber wenden konnte, saß tief verstört an dessen Ufern. Ist es doch immer schwer, sich selber zu bestimmen.
Bis die Erkenntnis in ihr reifte, dass Glück hier nie vorübertreibe. Denn solches will gefunden sein, bevor es sich besitzen lässt!
Und sie bedachte sich erneut die Lage.
Ein Fisch! Ein biegsam, starker Leib, in schlüpfrigem Gewande. Nur List vermochte zu gewinnen.
Es galt, den Fisch zu fangen, wie die Menschen taten, die einen Köder in das Wasser warfen, der einen Haken in sich barg!
Doch halt! Ihn selber mit den Händen fangen! So hatte es geheißen!
Dies war ihr aber niemals möglich!
Doch weiß die Weiblichkeit sich meist zu helfen, wenn sie ihr Ziel im Auge hat.
Bald war sie jedenfalls gewiss, dass selbst ein Haken nicht verboten, da er doch nur als Hilfe diene. Den Fisch, den würde sie danach dem Geist mit ihren Händen reichen.
Doch wurde ihr auch die Gefährlichkeit bewusst, die jedes Hakens Eigenheit. Ihn jenem aus dem Schlund zu ziehen, womöglich ihn verletzt zu haben, nicht wissend, ob er leben bleibt?!
Ist das Gewähr für neues Glück?
Erschreckt warf sie den Plan beiseite.
Bis sie die alte Eule sah, die reglos an der Zeit Unendlichkeit zu lauschen schien.
Das Nixlein zögerte. Stand vor der Eule, die schließlich einen Blick auf sie gewährte und danach wieder sich verschloss.
Getrieben von der Macht des Wollens, fand sie jedoch den Mut, sich ihr zu offenbaren.
Die Eule klappte jäh ein Auge auf, nach wohl bedachter Weile. Kühl sagte sie zu ihr herab: "Natürlich einen Köder, dummes Ding! Mit Deinen zarten Händen? Du? Den kannst Du niemals greifen. Du brauchst natürlich eine List"! Und die hat immer einen Haken!
Doch sage mir zuvor: Wie gut kennst Du die Fische? Ich weiß, Du hast fast ihren Leib, doch denkst Du auch wie sie?
Was wirfst Du überhaupt als Köder aus? Denn eines musst Du wissen: Was immer Du als Lockung gibst, muss wirklich von Dir selber sein! Doch die Gewitzten, die fressen solchen Köder ab, bis das Metall im Wasser blitzt. Sie wollen nur genießen! Und eilen danach wieder fort.
Die Eule setzte eine Pause, indem sie erst ihr Auge wieder schloss, danach mit Strenge aus beiden Augen auf sie sah.
"Nun gut! Es gibt auch noch die andern. Nur sind die selten besser! Sie schlingen meist in sich hinein, was kunstvoll ihnen angeboten. Die sind Dir leichte Beute! Doch willst Du wirklich einen, der auch danach noch alles frisst, nur weil es sich vor ihm bewegt? Bei ihm fragst Du Dich vielleicht bald: Wie konnte ich mich so betrügen? Denn was die Süße zu Beginn, ist all zu schnell dann abgeleckt!
Verdränge folglich nicht: Auch Fische sind nicht alle gleich!
Wenn Du es trotzdem wagen willst, so prüfe Dich: Bist Du bereit, Dir irgend einen einzufangen oder wirklich nur den einen?
Gelingt es Dir zu wählen, so mag das Glück auf Dauer sein, doch ist dies wahrlich schwer erreicht! Das andere gibt es viel leichter, nur steht schon die Enttäuschung dann bereit, Dich durch die Jahre zu begleiten."
Die Nixe schwieg beklommen. Das hieß doch, selbst die Eule hatte keine Lösung! Erschreckte vielmehr nur durch Wissen, dass viele sie nur kosten wollten. Doch selbst, wenn sie auch das ertrug, wuchs eben dadurch die Gefahr, dass jenem, dem wirklich ihr Bemühen galt, nur noch ein leerer Haken blieb, weil ihr die Köder ausgegangen!
Sie wusste eben nicht sehr viel aus dieser fremden Welt.
Die Eule hatte viel gesprochen, für den Tag und wollte es dabei belassen. Doch dauerte sie diese Nixe, die plötzlich still in sich verzagte.
Sie klappte daher beide Augen auf. Besah dies Elend unter sich, die Torheit dieses Wesens und dachte still für sich: Du wirst so vieles lernen müssen, dass es für manches dann zu spät.
Die Eule hatte gleichwohl Mitleid mit der Kreatur. Ließ sich herab, sie nochmals anzusprechen: " Nimm Dir als Haken jene Locke, die zwischen Deine Augen greift. Solch Zierlichkeit schreckt Dir die plumpen Fresser. Und die Gewitzten sind zu dumm, um damit etwas anzufangen. Denn ohne die Gefahr, verletzt zu werden, gibt es für ihren Ruhm nichts zu gewinnen.
Doch sei es damit nicht genug! Die Locke führe an die Lippen, damit sie Deine Seele trage. Dann wirf sie in das Wasser!
Und es wird sein, dass Deine Ehrlichkeit die andern achten. Nur dieser eine bringt sie Dir und will Dich danach auch begleiten. Denn dieser will gefangen sein!"
Nach ihren Worten flog sie fort. Die Nixe tat, wie ihr geraten.
Ob sie ihr Lebensglück gewann?
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